Ein Pfarrer geht nach 40 Jahren Dienst in der Kirche - Abschied nach bewegten Zeiten

26.03.08


Ein Pfarrer geht nach 40 Jahren Dienst in der Kirche - Abschied nach bewegten Zeiten

ImageMit drei Begriffen könne er wenig anfangen, mit "Rente", "Ruhestand" und "Held", sagte der jetzt 65-jährige Pfarrer Christian Führer aus Leipzig heute in den Fernsehmedien, als er auf seinen Ruhestand angesprochen wurde. Es ist ein Abschied nach bewegten Zeiten. Nicht nur den Bürgern in Leipzig wird dieser Pfarrer in Erinnerung bleiben. Er hat ein Stück mitgedreht am Rad der deutschen Geschichte, vielleicht sogar ein ganz entscheidendes Stück.

Es war seine Kirche, als im Herbst 1989 die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ins Rollen kam, die zum Anlaufpunkt für mehr und mehr Menschen in Leipzig wurde, die sich nach ihren Friedensgebeten in der Nikolaikirche bei den unvergesslichen Montagsdemonstrationen trafen und ihren Protest gegen die damaligen Verhältnisse in der DDR verkündeten. "Wir sind das Volk", schallte es auf Leipzigs Plätzen und Straßen.

ImagePfarrer Führer gab ihnen Rückhalt, machte ihnen Mut, nahm ihnen Angst, gab ihnen die innere Ruhe, die friedliche Besonnenheit, und er betete mit ihnen. Noch heute finden dort Friedensgebete auch in Erinnerung an die bewegten Tage in Leipzig statt. Ungläubiges Staunen verbreitete sich damals in der alten Bundesrepublik ob der Unerschrockenheit, mit der sich die Bürger in Leipzig trafen und ihre Sehnsüchte nach größerer politischer Freiheit ihrer Staatsmacht und einer erstaunten Weltöffentlichkeit präsentierten. Das war der Höhepunkt für mich als Mensch und Pfarrer, so Christian Führer heute.

Auch wenn er kein Held sein will, er war es. Die Knüppel, mit denen der aufkeimende Protest hätte niedergeknüppelt werden können, lagen bereit. Jederzeit war zu befürchten, dass der Protest friedlicher Bürger mit ihnen unerbittlich hätte niedergeschlagen können. Einzelne Aktionen staatlicher Gewalt blieben nicht aus. Jederzeit musste auch mit massivem Einsatz von Gewalt gegen den friedfertigen Protest und einer Eskalation der Staatsmacht gerechnet werden. Und dennoch trafen sich am 9. Oktober 1989 70.000 Menschen nach dem Friedensgebet in Führer's Nikolaikirche zur Montagsdemonstration, unbeirrt, sehnsüchtig und friedfertig.

Christian Führer war und bleibt ein Held, ein Held, der mit Mut, Besonnenheit, Klugheit und seinem christlichen Glauben den Menschen und der Bewegung zur Freiheit ein couragiertes, betendes und friedfertiges Antlitz gab, dem die Staatsmacht der ehemaligen DDR letztlich unterlegen war, Montag für Montag, Woche für Woche, Schritt für Schritt, bis zum Fall der Mauer. Ein gewaltloser Held, der auf die Macht des Gebetes und Gottes vertraute. «Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.», sagte er 10 Jahre zuvor in einer Predigt. Der Glaube hat geholfen. Am 31. März ist sein letzter Tag als Nikolaipfarrer. «Da es ein Montag ist, werde ich dann noch ein letztes Friedensgebet gestalten», sagte Führer.

Dank Ihnen, Herr Pfarrer, Dank unserem Glauben, und Dank unserem Herrn, der Sie und die Menschen in Leipzig so segensreich geleitet hat. Wir sind sein Volk!

Sein Segen und sein Friede sei allezeit mit Ihnen auf Ihrem künftigen Weg.

Kurt J. Heinz

 


Artikel zum Herunterladen und Ausdrucken im -> Anhang

 

Der Gottesdienst zu seiner Verabschiedung findet am 30.03.08, 14.00 Uhr statt. -> Abschiedsgottesdienst

Für seine Verdienste erhielt Christian Führer Ehrungen und Auszeichnungen:

1991 Theodor-Heuss-Preis (Medaille) für die friedlichen Demonstranten des Herbstes 1989 in der ehemaligen DDR

1995 Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, in Würdigung der Friedlichen Revolution 1989

2002 Johann-Philipp-Palm-Preis, in Würdigung seiner Verdienste um die Freiheit gegen Gewalt, als erster Preisträger des erstmals 2002 verliehenen Preises.


Quellen: 
Verschiedene
AnhangGröße
Abschied nach bewegten Zeiten.pdf174.18 KB