Petition soll weitere Aufführung von FEAR verhindern


09.11.15

Petition soll weitere Aufführung von FEAR verhindern

In CitizenGO wurde Aktion wegen "Hetze" und "Gewalt-Anstiftung" gegen das Theaterstück von Falk Richter gestartet - Schaubühne spricht von Verleumdung

(MEDRUM) Wie aus einer Petition hervorgeht, die am 03.11.15 im Aktionsportal CitizenGO gestartet wurde, soll verhindert werden, dass das neueste Theaterstück von Falk Richter mit dem Namen "FEAR" weiter aufgeführt wird.

FEAR und Brandschläge

Es hört sich zunächst einfacher an, als es womöglich zu erreichen ist: Sofortiges Streichen aller Subventionen und Verhinderung der weiteren Aufführung des Theaterstückes von Falk Richter wegen des Verdachts des Aufrufes zur Gewalt, einer Handlung also, die unter Strafe gestellt ist und von den Strafverfolgungsbehörden zum Gegenstand von Ermittlungen gemacht werden müsste.  Einen solchen Aufruf zu verhindern, ist erklärtes Ziel einer Petition des Internetportals CitizenGO. Darin wird im Zusammenhang mit zwei Bränden, von denen die AfD-Politikerin Beatrix von Storch und Hedwig von Beverfoerde, die Sprecherin und Organisatorin der DEMO FÜR ALLE, betroffen sind, vor "Gewalt-Anstiftung" durch FEAR gewarnt.

In der Petition wird herausgestellt, dass "in der Nacht auf den 26. Oktober 2015 in Berlin das Auto der EU-Abgeordneten Beatrix von Storch angezündet" wurde. Nur wenige Tage später sei "in der Nacht zum 1. November 2015 in Magdeburg auf die Firma der Familie Beverfoerde ein schwerer Brandanschlag verübt" worden, bei dem "ein Kleintransporter und ein angrenzender Raum ausbrannten". Wie aus einem anonymen Bekennerschreiben hervorgehe, habe der Anschlag der Organisatorin der „Demo für Alle“, Hedwig von Beverfoerde, gegolten. Weiter heißt es im Petitionsbrief, zu dessen Unterzeichnung aufgerufen wird: „Die Brandanschläge stehen in einem auffallenden zeitlichen Zusammenhang mit dem Theaterstück ‚Fear’ des Regisseurs Falk Richter, das seit dem 25. Oktober 2015 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin läuft. In dem Stück treten Schauspieler unter anderem als Gabriele Kuby, Beatrix von Storch, Birgit Kelle und Hedwig von Beverfoerde auf, die sich Fotos dieser Personen vor das Gesicht halten. Sie werden als Hassreden schwingende Nazi-Zombies dargestellt. Vor dem Hintergrund dieser Fotos wird gesagt, man solle ‚Zombies mitten ins Gesicht schießen, nur dann seien Sie wirklich tot’ ”.

Petition zum sofortigen ImageStop der Aufführung wegen Gewaltanstiftung

Offenbar geht Falk Richter mit seinem Theaterstück etlichen Zeitgenossen zu weit. Mutmaßlich aus diesem Kreis wurde eine Petition gestartet, die sich an die Kulturministerin wendet, und fordert, Subventionen zu streichen und weitere Aufführungen zu stoppen ( Nein zu Hetze und Gewalt-Anstiftung: Subvention und Aufführung von Theaterstück „Fear“ stoppen ). Wörtlich lautet die Forderung: "Wir fordern sie deshalb auf, dem Theaterstück „Fear“ sofort alle finanziellen Subventionen aus Steuergeldern zu entziehen und jede weitere Aufführung zu verhindern".

Hartmut Steeb: Angriff auf christliche Werte

Dieser Forderung haben sich schon einige tausend Personen angeschlossen, unter ihnen der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb. Er sprach zuvor in idea mit Blick auf die mutmaßliche Brandstiftung auf dem Firmengelände der Familie von Beverfoerde von einem "Angriff auf christliche Werte". Wie von Beverfoerde verurteilte Steeb Richters Theaterstück: "Auch ein Aufruf zur Gewalt im Theater darf nicht akzeptiert werden, sonst führen wir den Rechtsstaat ad absurdum.“

Am Pranger von Falk Richter

In der Tat wird in Richters Stück eine ganze Reihe von Personen an den Pranger gestellt, unter anderen die AfD-Politikerinnen Frauke Petry und Beatrix von Storch, aber ebenso genannt werden Akif Pirincii, Gabriele Kuby, Birgit Kelle und schließlich auch Hedwig von Beverfoerde.  Der Tagesspiegel schrieb hierzu: „Es geht vorher und nachher unter anderem um Zitate der AfD-Europa-Abgeordneten Beatrix von Storch. Ihr wird – da spielt man etwas grenzwertig mit einer neuen Sippenhaft – auch der leibliche Großvater Graf Schwerin von Krosigk, der einst Hitlers Finanzminister war, wie ein geistiger Ziehvater vorgehalten. Als reichten Storchs eigene Reden zum deutschen Frauen- und Mutterbild nicht aus. Sie wird dabei in eine Linie mit Frauke Petry, der konservativen ‚Feministin’ Birgit Kelle oder der Fundamentalistin Gabriele Kuby gestellt (die vor der ‚Zwangssexualisierung’ deutscher Kinder in heutigen Schulen warnt).” In Videos geistern Figuren wie Beate Zschäpe oder Marie Le Pen über die Bühne, doch nicht nur diese, sondern, so der Tagesspiegel, „schimmelgrün auch Skelette und Zombies”. „Aus Lautsprechern dröhnen Interviewstatements von Pegida-Anhängern. AfD-Politiker sehen aus wie Zombies.” und „Das absurd gestrige Weltbild von Gabriele Kuby wird lustvoll durch den Kakao gezogen.”, schrieb das Deutschland-Radio. Im Stern wird Richters Stück als „Anti-AfD-Collage” bezeichnet, das Deutschland-Radio meint, es sei „Pegidas Hass-Sprech auf der Bühne” und der RBB stellt heraus, dass die „Führerinnen allen Übels” auf den „Weg zum Schaffott” geführt würden.

Schaubühne spricht von Verleumdung

Einer Absetzung des Stückes hat die Schaubühne in einer am Montag herausgegebenen Erklärung energisch widersprochen. Es sei absurd, einen Zusammenhang zwischen den Straftaten und dem Theaterstück herzustellen. An keiner Stelle werde im Stück zu Gewalt gegen Sachen oder Personen aufgerufen. Dies werde bewusst konstruiert, um die Schaubühne als Theater und Falk Richter als Autor und Regisseur zu verleumden. Und weiter heißt es in der Erklärung: "So soll Druck ausgeübt werden, um das Theaterstück abzusetzen. Die Schaubühne und Falk Richter verurteilen die Brandanschläge. Ihnen muss mit rechtstaatlichen Mitteln nachgegangen werden. ... Die Schaubühne wird alle strafrechtlich relevanten Sachverhalte zur Anzeige bringen." In der Erklärung der Schaubühne wird allerdings nicht auf die konkreten Vorwürfe eingegangen, zum Beispiel, dass man "Zombies mitten ins Gesicht schießen müsse, damit sie wirklich tot seien.", wie im Petitionsbrief kritisiert.

Keine guten Kritiken für FEAR

Die Kritiken, die Richter für sein neuestes Stück nach der Premiere erhielt, sind nicht gerade berauschend, auch nicht  beängstigend, soweit in seinem Stück gefährliche Tendenzen gesehen werden. Eine positive Resonanz kann er jedenfalls nicht verbuchen. Das zeigen die folgenden Kritiken:

  • Diffus erscheint die Kritik im Tagesspiegel:
    "Manchmal wirkt „Fear“, mit Anbiederungen an den jetzt 20 Jahre toten Heiner Müller („ach Heiner“), auch nur wie die platte Selbstbestätigung der moralischen Überlegenheit. Für sich und ein ohnehin einverständiges Publikum. Mitunter aber brechen Zweifel auf, Verzweiflung oder ... naive Gegensehnsüchte: nach Stille, Frieden, Schönheit. Oder die tolle Lise Risom Olsen als zerrissene Europa und Bernardo Arias Porras als Verschlungener im Internet, sie werden in starken Solonummern zu Rache- und Reuegeistern. Jenseits von Gratismut und Selbstgerechtigkeit. Vielleicht kann „Fear“ so noch zu einem Work in Progress werden. Scheitern, furchtlos besser scheitern."
  • Ein Stückchen weiter und eher fragend geht die Kritik im Freitag:
    "Man verliert sich aber hier zunehmend in einem Work in Progress, geht in den offenen Probenmodus über. Es genügt sicher nicht, die Dämonen der Angst mit dem Laubläser der Kunst wegzufegen und sich in eine Urban-Gardening-Scheinwelt des Schönen ... zurückzuziehen. Als Ruhephase in einer nach hinten raus immer mehr zerfasernden Inszenierung scheint dieses, sicher auch etwas ironisch gemeinte, Konzept zum Nachdenken darüber, wie wir leben wollen, vielleicht ganz fruchtbar. Aber, reicht das in einer Welt, wo für das Schöne nur noch die Insel der Kunst bleibt ...  oder das Shoppen als Ablenkung von den Problemen?"
  • Noch wohlwollend, aber eindeutiger ist die Kritik von Ina Beyer im SWR2:
    "So endet Falk Richters Stück - oder besser Versuchsanordnung.  Ein nachvollziehbarer, aber nicht über sich hinausweisender "work in progress" über Angst. Die Wirklichkeit ist weiter uneingeschränkt möglich."
  • Stärkere Kritik über Astrid Kaminski in der taz:
    "So bleibt diesem Theaterabend nicht viel mehr als unterhaltender Alarmismus."
  • Susanne Bruha zieht im RBB ein klar kritisch-negatives Fazit:
    "Da gibt es also diese beängstigende hassende Rechtsströmung in der Gesellschaft und ein Stück, das vorgibt sich mit der Angst, die es dahinter vermutet, zu beschäftigen greift sich einfach die paar Frauen raus, erklärt sie zum den Führerinnen allen Übels und schubst sie auf das Schaffott?! Bei aller künstlerischer Perfektion in Stimmungen und Tanzchoreografien, inhaltlich eine schwache, geschichtsvergessene, eindimensionale Performance.
  • Und fast schon vernichtend ist das Urteil von Ulrich Fischer in der Huffington Post:
    "Eine Stoffsammlung, work in progress, an der Schaubühne hätte ich mehr erwartet. Und von Falk Richter, einem begnadeten Polemiker und Dramatiker auch. "Fear" ist, soweit ich sehe, sein bislang schwächstes Stück. „Fear"- Angst - ist kein guter Berater. Mehr Analyse, kaltes Blut, vielleicht auch mehr Gelassenheit helfen weiter. Wir können das schaffen."

Beifall gibt es also nicht.

Wie weit darf Kunst gehen?

Wer dem Urteil dieser Kritiken folgt, wird dem Stück keine allzu große Bedeutung beimessen. Nicht ausschließen lässt sich allerdings, dass Richters neuestes Werk nicht doch auch als ein Werk "geistiger" Brandstiftung gesehen werden könnte, einerlei ob dies seine Absicht war oder nur billigend in Kauf genommen wurde. Dieser Verantwortung muss sich auch ein Künstler stellen. Die Schaubühne hat mit ihrer heute herausgegebenen Erklärung jedenfalls keinerlei Bereitschaft erkennen lassen, Verantwortung hierfür zu übernehmen. Die derzeit letzte Aufführung fand am 8. November 2015 statt. Bis dahin konnte die Aktion in CitizenGO noch nicht die angestrebte Wirkung zeigen, wenn eine solche Wirkung überhaupt erreichbar ist. Denn es bleibt die schwierig zu beantwortende Frage: Wie weit darf Kunst auf der Bühne gehen? Insbesondere: Darf sich die Kunst das Recht herausnehmen, lebende Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, so verzerrt darzustellen, dass weder das, was sie wirklich sagen, noch das, was sie wirklich tun, auch nur ansatzweise erkennbar bleibt?


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